Menschen mit Migrationsgeschichte: ihre Wege und Herausforderungen im Hilfesystem
Wir danken Prof. Meryam Schouler-Ocak und Prof. Iris T. Graef-Calliess für ihren Gastbeitrag. Sie leiten das Referat Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Migration der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN)
Menschen mit Migrationsgeschichte und einer Behinderung, insbesondere einer psychischen Behinderung, sind im Hilfesystem häufig mehrfach benachteiligt. In der Teilhabeberatung zeigt sich, dass sie nicht nur mit den Auswirkungen der Behinderung, sondern auch Herausforderungen wie Sprachbarrieren, bürokratischen Barrieren, unsicherem Aufenthaltsstatus, kulturellen Unterschieden und Diskriminierung ausgesetzt sind. Diese Mehrfachbelastung erschwert den Zugang zu psychiatrischer Versorgung und zu Leistungen der Teilhabe erheblich.
Wie Unterstützung in der Praxis gelingen kann
Eine praxisnahe Anpassung der psychiatrischen Versorgung erfordert barrierearme und kultursensible Strukturen. Dazu gehören der verlässliche Einsatz von professionellen Sprach- und Kulturmittelnden sowie die Bereitstellung von Informationen in einfacher und mehrsprachiger Form. Fachkräfte sollten sowohl für migrationsspezifische Belastungen als auch für behinderungsbedingte Unterstützungsbedarfe sensibilisiert sein. Wichtig ist eine enge Vernetzung zwischen psychiatrischen Diensten, Eingliederungshilfe, Teilhabeberatung und Migrationsfachstellen, um Leistungen besser aufeinander abzustimmen.
Kultursensible Therapieansätze berücksichtigen unterschiedliche Vorstellungen von Behinderung, Krankheit und Hilfe. In der Praxis bedeutet dies, individuelle Erklärungsmodelle ernst zu nehmen und gemeinsam mit den Betroffenen passende Unterstützungsformen zu entwickeln. Traumasensible Therapie ist besonders relevant für Menschen mit Flucht- oder Gewalterfahrungen, die eine psychische Behinderung verstärken oder mitverursachen können. Systemische und familienorientierte Ansätze sind hilfreich, da Behinderungen in vielen Familien gemeinsam bewältigt werden.
Die Rolle von Angehörigen
Angehörige von Zugewanderten mit Behinderungen übernehmen oft eine tragende Rolle in Pflege, Begleitung und Alltagsbewältigung. Sie benötigen gezielte, kultursensible Unterstützung, etwa durch mehrsprachige Beratung, Aufklärung über Teilhaberechte und Entlastungsangebote. Der Abbau struktureller Barrieren, wie komplexer Antragsverfahren und fehlender Zugang zu Regelangeboten ist entscheidend, um gleichberechtigte Teilhabe für Menschen mit Migrationserfahrung und Behinderungen zu ermöglichen.
Weitere Informationen:
- Interkulturelle Selbsthilfe für Menschen mit Migrationshintergrund
- Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte
- Jugendmigrationsdienste (für junge Menschen zwischen 12 und 27 Jahren)
03/2026